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Ein Kinderwunsch liegt auf Eis

Frauen wollen immer häufiger das Kinderkriegen hinauszögern - und lassen ihre Eizellen einfrieren...

Düsseldorf (dpa/lnw) - Tanja Becker will Mutter werden, so viel ist sicher. Nur wann, das weiß sie noch nicht so genau. Den richtigen Partner hat die 29-Jährige aus Düsseldorf noch nicht gefunden.

Und beruflich passt es gerade auch nicht richtig. Deshalb möchte sie ihre Eizellen einfrieren lassen. Um Zeit zu gewinnen. Frauen wie Tanja Becker, die eigentlich anders heißt, haben Professor Jan-Steffen Krüssel und Dr. Jana Liebenthron immer wieder vor sich. Die beiden arbeiten am Kinderwunschzentrum Unikid und in der Cryobank der Uniklinik Düsseldorf.

Dort wird unter anderem das sogenannte Social Freezing angeboten: Das heißt, Eizellen werden ohne konkreten medizinischen Grund vorsorglich entnommen und eingefroren. Noch nicht den richtigen Partner zu haben, sei häufig der Anlass für eine Beratung - etwa nach einer Trennung. «Viele Frauen fragen sich dann, ob und wie eine noch nicht abgeschlossene Familienplanung aufzuschieben geht», sagt Liebenthron.

Je früher Frauen einen solchen Eingriff vornehmen lassen, desto besser stehen später die Chancen, dass es mit dem Kinderwunsch klappt, sagen die Biologin und der Arzt. «Die Eizelle ist der entscheidende Faktor», so Krüssel - nämlich, ob sie jung und intakt ist. Mit steigendem Alter verringert sich nicht nur die Anzahl der Eizellen im Eierstock, sie verlieren außerdem an Qualität und damit die Fähigkeit, befruchtet zu werden und sich zu entwickeln.

Zuerst kommt die Hormontherapie

Für die Entnahme müssen sich die Frauen zuerst mit einer etwa zweiwöchigen Hormontherapie vorbereiten. Das Entnehmen dauert dann etwa 20 Minuten. Die Zellen werden überprüft und bei 196 Grad Minus eingelagert. Sie können später aufgetaut, befruchtet und eingesetzt werden - und altern in der Zwischenzeit nicht weiter.

Dass so Druck aus der Lebensplanung der Frauen genommen werden könne, bewertet die Medizinethikerin Professor Claudia Wiesemann grundsätzlich positiv. Sie ist Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Göttingen und forscht seit vielen Jahren zu ethischen Fragen rund um die Fortpflanzung. Sie meint, man müsse dennoch vorsichtig sein, dass nicht an anderer Stelle Druck entstehe. Etwa, indem von Frauen, die Karriere machen wollen, irgendwann erwartet werde, ihren Kinderwunsch auf diese Weise zu verschieben.

Tanja Becker steht noch vor dem Eingriff und hat eine Menge Infomaterial von ihrer Ärztin bekommen. «Im Moment passen meine Lebensumstände noch nicht, um ein Kind zu bekommen», sagt sie. Auch wenn sie dabei nicht nur ihre Karriere im Sinn hat, findet sie doch: «Warum soll ich jetzt weniger berufliche Chancen haben, nur weil ich als Frau auch an meinen Kinderwunsch denken muss?» Dennoch will sie ihre Chance, Mutter zu werden, nicht verstreichen lassen. «Wenn sich die Umstände ändern und das Drumherum passt, wäre es doch schade, wenn es dann nicht klappt.»

Die Lagerung der Eizellen kostet

Vier Seiten nimmt der Kostenvoranschlag ein, den sie bekommen hat. Unter dem Strich stehen etwa 4300 Euro. 400 Euro muss sie pro Jahr für die Lagerung der Eizellen einplanen. Das Auftauen, Befruchten und Einsetzen kommt noch dazu. Die Kosten muss die Patientin beim Social Freezing selbst tragen.

Auch hier sieht Medizinethikerin Wiesemann Grund zur Vorsicht. Zum einen sei dadurch diese Art von flexibler Lebensplanung Frauen vorbehalten, die sich den Eingriff leisten können. Zum anderen sähen immer mehr Anbieter eine Chance, durch dieses Angebot Geld zu verdienen. «Nicht immer wird genügend informiert und aufgeklärt», sagt sie. Etwa über Ablauf und Risiken des Eingriffs - oder über die Chancen, später wirklich schwanger zu werden.

Denn das Einfrieren ist keine Garantie für ein Kind. Nicht alle Eizellen überstehen das Auftauen und die weitere Behandlung. Nach ersten des Deutschen IVF-Registers, in dem 135 Behandlungszentren organisiert sind, ist die Wahrscheinlichkeit, mit gefrorenen Eizellen ein Kind zu bekommen, ähnlich hoch, wie bei anderer künstlicher Befruchtung - etwa bei 20 bis 25 Prozent.

Internationale Studien sagen mittlerweile außerdem: Der Großteil der Frauen nutzt die eingefrorenen Eizellen später nicht. Viele Paare versuchen es erst einmal auf natürlichem Weg - und bräuchten dann die gefrorenen Eizellen nicht mehr. «Auch das sollte Frauen, die über Social Freezing nachdenken, vorher klar sein», sagt Wiesemann. Tanja Becker will es sich noch gut überlegen, ob sie sich für oder gegen das Einfrieren entscheidet. «Jetzt wäre ich einfach im genau richtigen Alter», sagt die 29-Jährige.

© dpa-infocom, dpa:200731-99-991718/4

Quelle: Text: dpa / Bild: Felix Kästle (dpa)

Künstliche Befruchtung Symbolbild